Fit wie in der Steinzeit

Bisher empfahlen Ärzte körperliche Aktivität meist, um Krankheiten vorzubeugen. Doch zunehmend erkennen Alzheimerforscher, Herzmediziner und Onkologen: Bewegung hilft dem Menschen auch dann, wenn sie schon erkrankt sind.

Eine wachsende Zahl von Studien, berichtet Prof. Kaelin, zeige: Körperliche Bewegung kann das Leben von Brustkrebspatientinnen verlängern und die Wahrscheinlichkeit von Rückfällen verringern.

Werde ein Brustkrebs diagnostiziert, empfiehlt die Professorin, solle die betroffene Frau so schnell wie möglich mit einem Fitneßprogramm beginnen: „Ihnen mag überhaupt nicht danach zumute sein. Aber ich glaube, es kann wahrlich Ihr Leben retten.“... Den Körper in Gang zu setzen hilft Menschen auch dann, wenn sie schon längst krank sind. In vielen Fällen ist dosiertes Training eine Ergänzung bewährter Therapien.  Häufig wirkt Bewegung sogar besser als Hightech-Medizin. Sie kann gesundmachende Zellen im Körper wachsen lassen und Krankheitsverläufe umkehren. Wer sich dreimal in der Woche eine halbe Stunde lang körperlich anstrengt, so entdeckten beispielsweise Forscher der amerikanischen Duke University in einer Vergleichsstudie, schützt sich genauso wirksam gegen Mißmut und Trauerattacken wie Menschen, die täglich Stimmungsaufheller schlucken...

Gerade bei Stoffwechselerkrankungen und Gelenkverschleiß sei Nichtstun „meist kontrainduziert“ und verschlechtere sogar die Lebensqualität...

Bewegung verbessert demnach die Lebensqualität und stärkt die körpereigene Krebsabwehr... Generell dürfte Onkel Doktors Rat zur Ruhe das Ableben etlicher Patienten befördern. Beispiel Herzmuskelschwäche: Die krankmachenden physiologischen Vorgänge, die zum Schwund des Pumpmuskels führen, verschlimmern sich, wenn der Betroffene sich auf ärztliche Anordnung hin nicht mehr bewegt. Gut informierte Mediziner verordnen inzwischen das Gegenteil: Einer aktuellen Übersichtsstudie zufolge kann Sport bei stabiler chronischer Herzinsuffizienz die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, um etwa 35 Prozent senken...

Auch den Einfluß von Inaktivität auf gesunde Menschen haben Forscher neu bewertet: Der unter Büroangestellten so verbreitete Minimalgebrauch der Muskeln kann demnach fast so schädlich sein wie das Qualmen von Zigaretten. Die Sterblichkeitsrate träger Menschen liegt bis zu einem Drittel höher als jene reger Vergleichspersonen. Ein Senior, der jeden Tag nur 1,6 km weniger spazieren geht als sein gleichaltriger Nachbar, wandert – bei sonst gleichen Risiken – sieben Jahre früher ins Grab.

Im Körper eines jeden Menschen, der sich nicht täglich mindestens eine halbe Stunde lang ertüchtigt, herrscht Ausnahmezustand. In den Zellen und Geweben laufen permanent krankmachende Vorgänge ab, und es scheint nur eine Frage der Zeit, ehe sich diese in Molesten und Beschwerden äußern...Was oft als Alternsvorgang verstanden wird, ist in hohem Maße das Resultat von Inaktivität.

Ein ebenso simples wie erfolgreiches Mittel gegen die Zuckerkrankheit (Diabetes Typ 2) ist es, die Kranken körperlich zu mobilisieren...Selbst hochbetagte Menschen können einen Großteil ihrer Kraft erhalten, wenn sie denn nur ihre Muskeln regelmäßig belasten... Kraft und Koordinationstraining tut auch den Knochen gut und schützt gerade im Alter besser vor Brüchen.

Kreuzschmerzen sind ein weiteres Leiden, bei dem Bewegung als Schlüssel zur Selbstheilung entdeckt wird... ein Trainingsprogramm ist bei Rückenkranken genauso wirksam, darüber hinaus aber billiger und sicherer, als die Versteifungsoperation... Es fängt schon damit an, daß im Zuge körperlicher Anstrengung das Blut flotter durch die Adern fließt als im Ruhezustand. Die erhöhten Scherkräfte führen dann dazu, daß im Inneren der Gefäße ein bestimmtes Enzym vermehrt hergestellt wird. Dieses Enzym wiederum sorgt für die Bildung des Botenmoleküls Stickstoffmonoxid, daß seinerseits die Dehnbarkeit der Blutgefäße sicherstellt. Genau diese Fähigkeit ist bei einer Arteriosklerose erheblich eingeschränkt. Es gilt also: Durch Bewegung kann man die beginnende Verkalkung seiner Gefäße umkehren...  Körperliche Aktivität normalisiert nicht nur die biochemischen Kreisläufe, sondern läßt in Organen und Geweben neue Zellen heranwachsen... Jeden Tag gehen Tausende Nervenzellen zugrunde. Auf diese Weise wird das Denkorgan mit den Jahren immer kleiner. Zwischen dem 30. Und dem 9o. Geburtstag gegen 15 bis 25 Prozent der grauen Zellen verloren, wobei ausgerechnet die fürs Lernen und Erinnern zuständigen Areale am stärksten schrumpfen... Die Leibesertüchtigung kurbelt offenbar die Produktion von Proteinen an, die gezielt Nervenzellen wachsen lassen...

Der Spiegel, Ausgabe 5 / 2006